Wie alles begann

Wir begegneten uns erstmals im Mai 2012 am Bahnhof in Luzern. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Foto, welches schlussendlich dazu führte, dass ich diese Reportage über Felisch erstellten konnte.

Es sollten aber noch rund eineinhalb Jahre vergehen, bis wir uns für ein längeres Gespräch zusammensetzten.

Das Bild von Felisch’s Schuh fristete ungeachtet sein Dasein auf meiner Festplatte. Als jedoch im März 2013 ein Fotowettbewerb vom Kölner Strassenmagazin “Draussenseiter” mit dem Thema “von unge” (von unten) ausgeschrieben wurde, war für mich sofort klar, dass mein Bild von damals das Thema in zweierlei Hinsicht voll trifft. Zum einen die fotografische Perspektive und zum Anderen na- türlich das Motiv, welches erahnen lässt, dass Felisch doch so einiges über sein Leben zu erzählen hat.

JUST DO IT, das Bild von Felisch's Schuh. aufgenommen im Mai 2012

JUST DO IT, das Bild von Felisch’s Schuh. aufgenommen im Mai 2012

Meine Bildeingabe wurde mit dem 1.Preis belohnt, welcher mir 200 Euro in bar einbrachte. Für mich keine Frage, dass ich diesen Preis Felisch zukommen lassen wollte. Ende April 2013 habe ich Ihn auf der Strasse angesprochen. Felisch hat sich über die frohe Botschaft natürlich gefreut und sich spontan bereit erklärt, mir einiges aus seinem Leben zu erzählen. Bis zu einem Termin sollte es jedoch noch bis zum November 2013 dauern.

Felisch mit dem Draussenseiter Magazin im November 2013

Felisch mit dem Draussenseiter Magazin im November 2013

Sein ganzes Vermögen - Das Preisgeld vom Draussenseiter

Sein ganzes Vermögen – Das Preisgeld vom Draussenseiter

Reichtum ist relativ

Gemäss einer aktuellen Studie der CreditSuisse ist die Schweiz das reichste Land der Welt. Wo Milch und Honig fliesst, so sollte man meinen, sind Lebensumstände wie ich sie bei Felisch antraf nur schwer vorstellbar. Das Durchschnittsvermögen jedes erwachsenen Schweizer soll sich laut Studie auf 450’000 Schweizer Franken belaufen. Zu glauben, es wäre deshalb jeder in der Schweiz reich, wäre wohl der falsche Schluss. Wenn ich durch die Strassen gehe, zeigt sich bei mir all zu oft ein anderes Bild. Felisch zum Beispiel hat kein Vermögen das er sein Eigen nennen kann. Das mit dem Durchschnitt möchte ich nicht anzweifeln, doch wie in vielen anderen Bereichen des Lebens, ist es eine Frage der Verteilung.

Als ich mich am vereinbarten Novembermorgen auf den Weg zu unserem Treffpunkt machte, waren die Strassen noch weitgehend menschenleer. Ich rechnete nicht damit, das Felisch pünktlich erscheinen würde. Er war jedoch bereits da und schien auf mich zu warten. Als ich Ihn begrüsste und ihm das Draussenseiter-Magazin mit seinem Bild und weitere Portraitbilder die ich von Ihm gemacht habe zeigte, scharten sich schon bald mehrere Personen neugierig um uns herum. Erst jetzt bemerkte ich, dass hier vor dem Lebensmittelgeschäft offenbar ein Treffpunkt der Strassenszene ist. Als unverkennbares Merkmal identifizierte ich bei diesen Personen die Dose Bier, die offenbar bereits am frühen Morgen auch bei nasskalter Witterung in praktisch keiner Hand fehlen durfte.

Pünktlich am Treffpunkt

Pünktlich am Treffpunkt

Felisch mit seinen Bilder aus einem laufenden „Photo Booth Projekt“

Felisch mit seinen Bilder aus einem laufenden „Photo Booth Projekt“

Müde, desorientiert und verwahrlost

Unser geplantes Gespräch wollten wir dann irgendwo an der Wärme fortsetzen. Die Auswahl war dabei nicht gross, denn mit Ausnahme eines einzigen Lokals hat Felisch in der Umgebung überall „Hausverbot“. Das Gespräch welches wir führen konnten, vermittelte mir einen guten Ersten Eindruck über die Lebenssituation in der sich Philipp, so heisst Felisch mit bürgerlichem Namen, derzeit befindet.

Müde, desorientiert und verwahrlost

Müde, desorientiert und verwahrlost

Die Pfeife um das Heroin zu rauchen hält Felisch stets in seinen Händen

Die Pfeife um das Heroin zu rauchen hält Felisch stets in seinen Händen

An der Wärme angekommen, offenbarte sich, wie müde, geschlagen, desorientiert, geschunden und verwahrlost Felisch wirklich ist. Das Gespräch verlief teils ganz normal und informativ, driftete aber immer wieder in verworrene Spähren und in eine Fantasiewelt ab, in welcher sich wohl nur Felisch orientieren kann.

Lebensmittelpunkt Drogen und Alkohol...

Lebensmittelpunkt Drogen und Alkohol…

... hinterlässt seine Spuren

… hinterlässt seine Spuren

Felisch ist heute 33 Jahre alt. Aufgewachsen ist er im ländlichen Kanton Obwalden. Als jugendlicher hat er Fussball gespielt und eine Ausbildung zum Käser absolviert. Anschließend hat er noch einige Zeit auf dem Beruf gearbeitet. Er musste seinen Beruf jedoch wegen Rückenproblemen und anderen Gesundheitsproblemen aufgeben. Er hatte damals eine eigene Wohnung, jedoch keinen Job mehr. Mit Drogen kam Felisch offenbar schon früh in Berührung. Bereits als 12 jähriger habe er gekifft. Als dann eines Tages die Polizei wegen eines Einbruchdeliktes vor der Türe stand, hatte dies weitreichende Konsequenzen. Er verlor die Wohnung und war somit job- und wohnungslos. Er beschloss aus seiner ländlichen Umgebung in die Stadt Luzern zu gehen, wo er auch leichter an seine Drogen kommen konnte. Gemäss seinen Ausführungen liegt das nun 9 Jahre zurück. Seither lebt er auf den Strassen in Luzern.

Lebensmittelpunkt Drogen

Eine lange Zeit, die nicht spurlos an Felisch vorüberging. Sein Lebensmittelpunkt sind heute die Drogen. Er raucht hauptsächlich Heroin, aber nimmt eigentlich alles was er bekommen kann. Sein Tagesablauf ist schnell erzählt. Er ist bereits früh morgens unterwegs um sich das Erste Geld für Drogen zu erbetteln. Ist dieses Ziel erreicht, steht der Gang zum Dealer an. Diese Prozedur wiederholt sich bis der Tag vorüber ist. Mit dem „Mischeln“ wie Betteln in der Szenensprache genannt wird, komme er auf zirka 100 Franken pro Tag. Diese werden gänzlich in Drogen investiert. In allen anderen Belangen versuche er sich möglichst kostenlos über die Runden zu bringen. Essen findet er auf der Strasse oder er bekommt immer mal wieder etwas geschenkt. Zudem sei Essen für ihn nicht so wichtig, denn mit fünf bis zehn Bier pro Tag sei er ja bestens versorgt.

„Mischeln“ wie Betteln auch genannt wird als Haupterwerb

„Mischeln“ wie Betteln auch genannt wird als Haupterwerb

100 Franken Tagesertrag zur Finanzierung der Drogensucht

100 Franken Tagesertrag zur Finanzierung der Drogensucht

Der Gang zum Dealer...

Der Gang zum Dealer…

...und das Rauchen des Heroins, ein gut geübtes Ritual

…und das Rauchen des Heroins, ein gut geübtes Ritual

Desorientiert – Die Fantasiewelt von Felisch

Angesprochen auf die derzeitige Situation und ob sich aus seiner Sicht etwas ändern oder verbessern sollte, zeigte er sich zuversichtlich. „Ich bin zufrieden wie es im Moment läuft und möchte das auch weiter so durchziehen.“

Als ich die Drogenproblematik und die Droge als Lebensmittelpunkt ansprach driftete er in eine seiner geistigen Verwirrungen ab und träumte von Afghanistan. Er möchte mit den Drogen nicht aufhören sondern weiter ausbauen. Früher sei er für ein Mohnfeld in Afghanistan zuständig gewesen und habe dort Drogen produziert und verkauft. Er wurde aber erschossen und es habe ihn anschliessend in der Schweiz wieder „herangespült“.

Von dieser Story beflügelt, hängt er auch gleich noch eine Geschichte über die ausgesprochenen „Hausverbote“ in allen Ladenlokalen und Gaststätten in der Umgebung an. Eigentlich sei es so, dass er der wirkliche Besitzer all dieser „Hütten“ sei. Die Leute die sich heute als Betreiber und Besitzer ausgeben seien in Wirklichkeit alles Einbrecher. Wenn er nun als Besitzer käme, werde er natürlich sofort vertrieben. Dies sind nur zwei Beispiele von zahlreichen Verwirrungen während des Gespräches. Dies zeigt eigentlich auf, wie desorientiert Felisch heute ist.

Auch in Bezug auf die Gesundheitssituation dürfte seine Einschätzung wohl kaum mit der Realität übereinstimmen. Er bezeichnet sich als Kerngesund und er habe ein ausserordentlich gutes Immunsystem.

Beruhigend diesbezüglich empfand ich, dass er zumindest über das Basisangebot des Ambulatoriums, der Gassenküche und der Notschlafstelle Bescheid weiss. Offenbar nutzt er diese Einrichtungen auch sporadisch.

Draussen zu Hause

Fussabtreter als Decke

Fussabtreter als Decke

Unter der Brücke schutzsuchend vor Nässe und Kälte

Unter der Brücke schutzsuchend vor Nässe und Kälte

Plötzlich stand Felisch auf und er sagte er müsse zur Toilette. Nach fünf Minuten kam er zurück und ich merkte sofort, dass es keinen Sinn machte das Gespräch weiter zu führen. Offenbar hat er seinen Drogenpegel wieder aufgefüllt. So beschlossen wir kurzerhand auf die Strasse zu gehen und er zeigte mir einige sei- ner Schlafplätze. Oftmals nehme er einen Schuhabtreter, lege sich auf einen freien Parkplatz und decke sich damit zu. Alternativ legt er sich unter eine Brücke zwischen Unrat und deckt sich mit Karton zu. Wirklich schlafen könne man an diesen Orten natürlich nicht, kommentiert Felisch seine Schlafplätze. Auf diese Art will er offenbar auch diesen Winter draussen verbringen. Im letzten Jahr sei er in der Notschlafstelle gewesen. Er bevorzuge jedoch im Moment die Strasse.

Nachtlager zwischen Unrat

Nachtlager zwischen Unrat

Schlafen könne man das nicht nennen

Schlafen könne man das nicht nennen

Gnocci auf Gammeltoast

Unterwegs lässt Felisch natürlich keine Gelegenheit aus seiner Beschäftigung nachzugehen. Hier wird eine Zigarette und dort wieder etwas Kleingeld erbettelt.

Auch unterwegs immer am „Mischeln“

Auch unterwegs immer am „Mischeln“

Da eine Zigarette...

Da eine Zigarette…

... und dort etwas Kleingeld

… und dort etwas Kleingeld

Felisch

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Auch das Mittagessen, welches heute offenbar aus vergammeltem Toastbrot und einem angebrochenen Beutel mit rohen Gnocci besteht, findet Felisch auf unse- rer kurzen gemeinsamen Tour auf der Strasse.

Das Essen findet Felisch oft auf der Strasse

Das Essen findet Felisch oft auf der Strasse

Felisch

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Felisch

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Und trotzdem zufrieden!

Der Einblick in das Leben von Felisch zeigt auf, dass es auch im reichsten Land der Welt Lebensumstände gibt, die zumindest aus meiner Optik, alles andere als befriedigend sind.

Da Felisch jedoch an diesem Umstand nichts ändern will und sich mit seiner Situation zufrieden zeigt, dürfte es schwer sein ihm zu helfen. Ob er, von seiner Sucht getrieben, urteilsfähig ist und sein Leben nachhaltig selbstverantwortlich gestalten kann, darf zumindest bezweifelt werden. Felisch äusserte sich im ganzen Gespräch jedoch nie unzufrieden, verlangte von niemandem etwas, und lästerte über nichts und niemanden. Wie so vieles an Felisch, ist auch das nicht ganz typisch für das reichste Land der Welt.